EDGE bei den Energy Research Talks Disentis 2026
Von hochalpinen Daten zur Systemgestaltung: Unsere Erkenntnisse aus Disentis
Moderiert von Dr. Ivo Schillig (AlpEnForCe) brachte die Veranstaltung Perspektiven aus Forschung, Biodiversität, Gemeinden und Projektumsetzung zusammen. EDGE wurde vertreten durch Prof. Dr. Michael Lehning (EPFL/SLF) und Yael Frischholz (EPFL / Alpole Sion / SLF), die Einblicke aus Modellierung, Feldmessungen und hochalpinen Testanlagen einbrachten. An der Diskussion beteiligten sich zudem Michael Casanova (Pro Natura), René Epp (Gemeinde Disentis) und Dr. Claudio Deplazes (Provision AG).
Von der Systemmodellierung über Schneefysik bis hin zur Projektumsetzung bestätigten die Gespräche in Disentis mehrere zentrale Erkenntnisse, die die Arbeit von EDGE prägen.
Alpiner Wind und Solarenergie bleiben zentral für die Winterstromlücke
Die EDGE-Modellierung zeigt, dass ein zukünftiges Schweizer Energiesystem mit rund 45 TWh aus Wind und Solar ausgewogen betrieben werden kann, sofern die Wasserkraft optimal integriert wird. Die Kombination aus (alpinem) Wind und Solar bleibt entscheidend, insbesondere zur Deckung der Winterstromlücke. Alpine PV verschiebt einen Teil der Produktion in die Wintermonate, während Wind komplementäre Erzeugungsmuster liefert.
Praxiserfahrungen bestätigen diese Modellierungsperspektive. Die ersten grossen alpinen PV-Anlagen zeigen deutliche Lerneffekte in der Umsetzung. In Sedrun konnte die Installationszeit der Module durch optimierte Abläufe um den Faktor fünf reduziert werden. Während die Gesamtkosten weiterhin von Faktoren wie Stahlpreisen abhängen, wurde in Disentis das Potenzial alternativer Konstruktionslösungen, etwa Holzkonstruktionen und standortspezifisches Design, hervorgehoben. Für EDGE unterstreichen diese Erkenntnisse die Bedeutung einer sorgfältigen Standortprüfung, adaptiven Planung und kontinuierlichen Lernens anstelle einer isolierten Projektbetrachtung.
Komplementarität ist real – muss aber systemisch eingebettet werden
Daten aus der Testanlage La Stadera zeigen eine starke kurzfristige Komplementarität zwischen Wind- und Solarproduktion. Auf Jahresbasis ist diese jedoch nicht perfekt, saisonale Unterschiede bleiben bestehen.
Für EDGE bedeutet dies: Komplementarität wird nur dann systemisch wertvoll, wenn sie mit Wasserkraftoptimierung, Raumplanung und potenziellen Speicherlösungen verknüpft wird. Systemwert entsteht nicht automatisch – er muss gestaltet werden.
Schnee ist ein steuerbarer Ingenieurparameter
Erkenntnisse aus der alpinen PV-Anlage am Muttsee bestätigen die erwartete Verschiebung der Produktion in den Winter. Schnee erhöht die Albedo und kann den Ertrag steigern. Gleichzeitig können Verschüttungseffekte und die sogenannte Interferenzhöhe temporäre oder in extremen Wintern erhebliche Verluste verursachen.
Eine zentrale Erkenntnis aus Disentis im Einklang mit der EDGE-Forschung lautet: Intelligentes Design verhindert viele schneebedingte Probleme.
Neigungswinkel, Montagehöhe und Geometrie müssen sorgfältig definiert werden, um Risiken und Kosten zu reduzieren. Schneeklimatologie ist nicht nur eine Einschränkung, sondern ein Planungsparameter. Windbedingte Schneeumlagerung und Interferenzhöhe sollten frühzeitig in die Auslegung integriert werden.
Klima- und Biodiversitätsschutz müssen gemeinsam geplant werden
Aus Sicht der Biodiversität sind alpine Lebensräume im Vergleich zu vielen anderen Schweizer Landschaften noch relativ wenig beeinträchtigt. Dies erhöht sowohl ihren ökologischen Wert als auch die planerische Verantwortung. Die Diskussion mit Pro Natura und lokalen Akteuren bestätigte, was die EDGE-Modellierung wiederholt zeigt: Projektkonflikte sind häufig Ausdruck fehlender übergeordneter räumlicher Koordination.
Die frühzeitige Integration von Schutz- und Nutzungskriterien, hochwertige Grundlagendaten und transparente Bewertungsprozesse sind entscheidend. Projekte in bereits vorbelasteten Gebieten, etwa in bestehenden Infrastrukturzonen, zeigen, dass eine biodiversitätsverträgliche Umsetzung möglich ist.
Für EDGE ist integrierte Planung kein Zusatz, sondern Grundlage.
Umsetzung ist ebenso entscheidend wie Modellierung
Aus Entwicklersicht stehen alpine Projekte vor praktischen Herausforderungen: komplexe Bewilligungsverfahren, Logistik im Gebirge, Risikomanagement und Kostenkontrolle. Die Volatilität der Stahlpreise bleibt ein Kostenfaktor. Alternative Konstruktionsansätze, darunter Holzbau, werden beispielsweise in Projekten wie Prafleuri geprüft.
Für EDGE sind Rückmeldungen aus der Praxis unverzichtbar. Sie schärfen Modellannahmen und verbessern zukünftige Standortwahl, Optimierungsstrategien und Kostenschätzungen.
Fazit
Die zentralen Erkenntnisse der Energy Research Talks:
• Alpiner Wind und Solarenergie sind technisch realisierbar.
• Sie liefern messbaren Systemwert im Winter.
• Schneebedingte Herausforderungen können durch intelligentes Design reduziert werden.
• Biodiversitätsschutz und erneuerbare Energien müssen gemeinsam gedacht werden.
• Umsetzungserfahrungen müssen in die Modellierung einfliessen.
EDGE arbeitet genau an dieser Schnittstelle: zwischen Systemmodellierung, Felddaten, Ingenieurwissen und Raumplanung.